Auswandern mit Ende 50 – was wirklich anders ist als mit 30
Wenn man „Auswanderer“ googelt, kriegt man ein ziemlich einheitliches Bild vorgesetzt: durchtrainierte 28-Jährige mit Laptop am Strand, ein Rucksack, eine Kreditkarte und die Einstellung „wird schon irgendwie klappen“. Ich bin 56. Bei mir klappt nichts „irgendwie“, bei mir klappt das mit einer Excel-Liste, drei Ordnern und einem Plan B für den Plan B. Und genau darum soll’s hier gehen: Was ist eigentlich wirklich anders, wenn man mit Ende 50 auswandert statt mit 30?
Gesundheit – der Elefant im Raum
Fangen wir mit dem unbequemsten Punkt an, weil den lässt man in den ganzen Hochglanz-Auswanderer-Blogs meistens einfach weg.
Mit 30 denkt man über Gesundheit nach, wenn man sich beim Fußball den Knöchel verstaucht. Mit 56, nach fast 40 Jahren Schichtdienst, denkt man da schon anders drüber.
Ich hab in meinem ersten Artikel (Fast 40 Jahre Schichtdienst – und jetzt beginnt mein neues Leben) schon erzählt, wie sich Jahrzehnte im Schichtrhythmus im Körper festsetzen – und ganz ehrlich, bei mir ist genau das mit ein Grund, warum sich mein Zeitplan für die Auswanderung gerade eher nach vorne verschiebt als nach hinten. Ein 30-Jähriger plant seine Auswanderung um seine Karriere herum. Ich plane meine eher um Arzttermine und die Frage, welche Krankenversicherung im Ausland eigentlich was abdeckt. Klingt weniger romantisch, ist aber die Realität, und die verschweigt man besser nicht, wenn man ehrlich bleiben will.
Und weil das Thema wichtiger ist, als ihm mit einem Nebensatz gerecht zu werden:
Wer dauerhaft seinen Wohnsitz außerhalb der EU verlegt, verliert in der Regel den Schutz der gesetzlichen Krankenversicherung – die ruht dann einfach, egal wie viele Jahrzehnte man brav eingezahlt hat.
Kambodscha selbst verlangt von Ausländern zwar keine verpflichtende Krankenversicherung, aber „nicht vorgeschrieben“ heißt nicht „nicht nötig“. Ohne lückenlose private Auslandskrankenversicherung würde ich da niemals hinziehen, Punkt.
Und hier kommt der Teil, der besonders wehtut, wenn man wie ich Ende 50 ist statt Anfang 30: Günstige Langzeittarife ab 35 Euro im Monat, wie man sie online überall beworben sieht, gelten fast ausschließlich für junge Leute. Ab 60 sind 400 bis 700 Euro im Monat für eine vernünftige internationale Absicherung keine Seltenheit, weil das Alter der mit Abstand größte Kostenfaktor bei der Beitragsberechnung ist.
Bei mir kommt noch eine Besonderheit dazu: Als Beamter der Bundespolizei bekomme ich als Pensionär eine Beihilfe von 70 Prozent meiner Krankheitskosten vom Dienstherrn erstattet, ganz normale Beamtenregelung. Klingt erstmal komfortabel, heißt im Umkehrschluss aber: Die restlichen 30 Prozent muss ich über eine private Restkostenversicherung selbst absichern, und bei den oben genannten Beträgen für meine Altersgruppe ist da schnell mehr als 150 Euro im Monat fällig, eher deutlich mehr.
Dazu kommt: Die Beihilfe wird nach deutschen Tarifen berechnet, nicht nach den tatsächlichen Kosten vor Ort – wird’s im Ausland teurer als der deutsche Vergleichssatz, bleib ich unter Umständen auf der Differenz sitzen. Und selbst bei den 70 Prozent, die mir zustehen, ist es nicht so, dass das Geld einfach automatisch fließt: Ich muss erstmal selbst in Vorkasse gehen, die Rechnung einreichen und dann warten, bis mir die Beihilfestelle das Geld zurücküberweist. Das kann dauern.
Heißt im Klartext: Ich brauche nicht nur eine Restkostenversicherung für die 30 Prozent, sondern auch genug Puffer auf dem Konto, um selbst die 70 Prozent erstmal vorstrecken zu können, bis die Erstattung kommt. Ich vergleiche deswegen gerade in aller Ruhe Anbieter wie Cigna, BDAE oder HanseMerkur, weil das eine der Entscheidungen ist, bei denen ich nicht zum billigsten Angebot greifen will, nur um am Ende zu sparen.
Eine neue Kamera kann ich mir notfalls zweimal kaufen. Eine Operation im Ausland nicht.
Und genau da wird’s leider auch ernst:
Es gibt draußen Tausende Expats, die einfach ins Blaue auswandern, komplett ohne Krankenversicherung, weil sie sich schlicht keine leisten können oder wollen. Ich versteh, wie es dazu kommt – gerade wenn das Budget eh schon knapp kalkuliert ist, wirkt die Auslandskrankenversicherung wie der Posten, an dem man am ehesten sparen kann, weil man ja „eh gesund“ ist. Aber genau das ist brandgefährlich.
Ein Unfall, eine Diagnose, ein Krankenhausaufenthalt in einem fremden Land ohne Absicherung kann einen finanziell und gesundheitlich komplett aus der Bahn werfen, gerade wenn man wie ich schon in einem Alter ist, in dem der Körper nicht mehr alles wegsteckt. Wer sich das nicht leisten kann, sollte sich ehrlich fragen, ob die Auswanderung gerade wirklich schon finanziell durchdacht ist – und nicht erst nach dem ersten Ernstfall.
Geld und Rente – der eine Vorteil, der wirklich zählt
Kommen wir zum erfreulicheren Teil. Ein 30-Jähriger, der auswandert, fängt in der Regel bei null an, oder muss sich das Geld über Remote-Arbeit, digitale Nomaden-Jobs oder einfach viel Improvisationstalent zusammensuchen.
Bei mir ist die Situation eine andere: Nach fast 40 Jahren im öffentlichen Dienst kommt eine Pension, die zumindest ein solides Fundament ist, dazu ein bisschen Erspartes, das ich clever aufgeteilt habe – ein Teil in ETFs, ein Teil als Puffer für den Fall, dass mal was Unerwartetes passiert. Das ist der eine wirklich große Unterschied zwischen Auswandern mit 30 und mit Ende 50: Ich muss vor Ort nicht mehr arbeiten, um zu überleben. Das nimmt eine Menge Druck raus, den ein 30-Jähriger mit leerem Konto und großen Träumen einfach hat. Klar, ich hätte das Geld auch anders ausgeben können – neues Auto, größeres Haus, wer weiß. Hab ich aber nicht, und dafür bin ich jetzt ziemlich dankbar.
Soziales Umfeld – weniger Ballast, aber auch weniger eingebautes Netzwerk
Mit 30 hängt man an ganz anderen Dingen. Man ist vielleicht noch in einer Beziehung, die man nicht einfach so aufs Spiel setzen will, hat einen Freundeskreis, der sich jedes Wochenende trifft, vielleicht schon ein Kind im Kindergartenalter. Bei mir ist das anders gelagert: Nach der Trennung nach fast 30 Jahren Ehe und mit drei erwachsenen Kindern, die längst ihr eigenes Leben führen, hab ich in dieser Hinsicht ziemlich wenig, was mich hier festhält. Das klingt jetzt vielleicht trauriger, als es gemeint ist – für mich ist das eher eine Art Freiheit, die ich mit 30 so nicht gehabt hätte.
Der Haken an der Sache: Neue Freundschaften aufbauen fällt mit Ende 50 nicht mehr ganz so leicht wie mit 30. Ein 30-Jähriger checkt in ein Hostel ein und hat abends schon fünf neue beste Freunde aus aller Welt, weil man in dem Alter offenbar noch die soziale Energie eines Golden Retrievers hat. Ich werde eher gemütlich Kontakte über die Community vor Ort knüpfen, in meinem eigenen Tempo, ohne den Anspruch, jeden Abend auf einer Poolparty zu stehen. Beides funktioniert, es fühlt sich nur komplett unterschiedlich an.
Was mir dabei hilft: Ich muss niemandem mehr was beweisen. Mit 30 will man vielleicht noch zeigen, dass man’s drauf hat, allein in der Fremde klarzukommen. Mit Ende 50 ist mir das ziemlich egal. Wenn ich einen Abend lieber allein mit einem guten Kaffee verbringe statt auf einer Bar voller 25-Jähriger, dann mach ich das eben so. Diese Gelassenheit gegenüber dem, was andere von einem erwarten, ist vielleicht der unterschätzteste Vorteil am älter werden überhaupt.
Geduld und Bürokratie – der heimliche Vorteil des Alters
Hier kommt jetzt ein Punkt, bei dem ich behaupte: Ältere Auswanderer haben tatsächlich einen Vorteil, den kaum jemand erwähnt. Bürokratie nervt in jedem Alter, keine Frage. Aber mit 30 will man einfach nur schnell loslegen, jede Wartezeit beim Amt fühlt sich an wie verschwendete Lebenszeit, die man lieber am Strand verbringen würde.
Mit Ende 50, nach vier Jahrzehnten in einem Behördenapparat, hat man dagegen eine gewisse Abgeklärtheit entwickelt. Ich hab Formulare ausgefüllt, bevor es Formulare online gab. Mich schreckt kein Amtsschimmel mehr, und ich hab auch die Geduld, mir vorher genau anzuschauen, welches Visum für mich überhaupt Sinn ergibt, statt einfach drauflos zu reisen und zu hoffen, dass es schon irgendwie klappt. Wer sich für so einen Vergleich der Visa-Optionen in Südostasien interessiert, findet da bei mir eine Übersicht, die ich mir genau aus diesem Grund selbst zusammengestellt habe – weil ich eben der Typ bin, der das vorher wissen will, und nicht erst an der Grenze merkt, dass sein Touristenvisum nach 30 Tagen abläuft.
Was sich überhaupt nicht ändert
Bei allen Unterschieden gibt’s aber auch was, das komplett gleich bleibt, egal ob man 30 oder 56 ist:
der Wunsch nach einem echten Neuanfang. Die Sehnsucht nach einem anderen Leben, einem anderen Klima, einer anderen Lebensweise, verschwindet nicht mit dem Alter, sie wird höchstens leiser diskutiert und dafür ernster gemeint.
Ein 30-Jähriger springt oft impulsiv, weil er noch Zeit hat, Fehler wieder auszubügeln. Ich spring überlegter, weil ich weniger Zeit zum Ausbügeln hab, aber genau deswegen auch nicht mehr bereit bin, sie mit einem Leben zu verschwenden, das sich nicht richtig anfühlt.
Mein Fazit
Auswandern mit Ende 50 ist kein Abklatsch von Auswandern mit 30, es ist einfach eine andere Version desselben Sprungs. Weniger Spontanität, dafür mehr Substanz. Weniger körperliche Unbekümmertheit, dafür ein Bankkonto, das nicht bei jedem Motorradunfall in Panik verfällt. Weniger Poolparty-Freunde, dafür ein viel klareres Bild davon, was man eigentlich will und was einem völlig egal sein kann.
Wenn du also Anfang 30 bist und diesen Artikel liest:
Genieß deine Knie, so lange sie noch mitspielen. Und wenn du wie ich Ende 50 bist und überlegst, ob’s dafür schon zu spät ist: Ist es nicht.
Es ist nur ein anderer Weg zum gleichen Ziel, und ehrlich gesagt einer, bei dem man weniger dumme Fehler macht, weil man die meisten davon schon in den ersten fünf Lebensjahrzehnten gemacht hat.


